Lehrer zieht es in die Städte: Beruf attraktiver machen

Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW in Baden-Württemberg. Foto: Bernd Weißbrod/Archiv
Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW in Baden-Württemberg. Foto: Bernd Weißbrod/Archiv

Junge Pädagogen zieht es mehr und mehr in die Städte. Hunderte der im neuen Schuljahr bislang unbesetzten Lehrerstellen, die das Kultusministerium auf 672 beziffert, seien auf dem Land, sagte die Landeschefin der Lehrergewerkschaft GEW, Doro Moritz, am Mittwoch in Stuttgart. «Wir werden ein deutliches Stadt-Land-Gefälle bei der Unterrichtsversorgung bekommen.» Manche Junglehrer entschieden sich sogar bewusst für eine befristete Stelle in der Stadt, auch wenn ihnen Beamtenstellen auf dem Land winkten.

«Wer in Freiburg leben will, will eben nicht in den Hochschwarzwald.«

 

Für die betroffenen Schulen bedeute dies, dass Angebote über den Pflichtunterricht hinaus gestrichen werden müssten, zum Beispiel Arbeitsgemeinschaften, Extra-Förderung und Klassenteilungen. In beruflichen Schulen drohe die Überstundenbugwelle anzusteigen. Damit die Engpässe nicht zu Unterrichtsausfall führten, solle die feste Lehrerreserve von derzeit 1666 um 1000 Stellen aufgestockt werden, verlangte die Gewerkschafterin. Dann würde sich dieser Stellenpool auf 2,5 Prozent des gesamten Lehrpersonals belaufen - ein Anteil, der dem Bundesschnitt entspreche. Gegensteuern könne man nur, wenn man den Beruf und seine Rahmenbedingungen insgesamt attraktiv halte. Dazu gehöre auch, dass die Politik nicht weiter im Staatsdienst den Rotstift ansetze.

 

Die FDP im Landtag forderte mehr Eigenverantwortung und Gestaltungsfreiheit der Schulen. «Wenn eine Schule ihr Personal weitgehend selbst auswählen, ihren Lehrern interessante Beschäftigungs- und Aufstiegsperspektiven bieten und bei drohendem Unterrichtsausfall auf eine eigene Vertretungsreserve zurückgreifen kann, wäre das insbesondere für die Schulen im ländlichen Raum eine deutliche Verbesserung», sagte Bildungsexperte Timm Kern. Wenn die einzige Schule in erreichbarer Nähe massiv von Unterrichtsausfall und fachfremdem Unterricht betroffen sei, reduziere das die Bildungschancen junger Menschen auf dem Land.

 

Die Sicherheit der Arbeitsplätze als Beamter spiele dann eine untergeordnete Rolle, wenn sich in einem wirtschaftlich prosperierenden Bundesland wie Baden-Württemberg andere Jobs anböten. Wenn die Landesregierung die Tarifsteigerung im öffentlichen Dienst nicht mehr in gleicher Höhe auf die Beamten zu übertragen gedenke, werde die GEW dies mit Demonstrationen quittieren.

 

Moritz nahm angesichts der schlechten Ergebnisse in der jüngsten Bildungsstudie «Vera 8» die Lehrer in Schutz. Anstatt sie für die miserablen Resultate beim Lesen, Schreiben, Rechnen in den achten Klassen verantwortlich zu machen, gelte es, eine Qualitätsoffensive zu starten. Im Jahr gebe das Land durchschnittlich nur 60 Euro pro Kopf im Jahr für Lehrerweiterbildung aus. Das sei viel zu wenig.

 

Nicht nur müsse mehr Geld in die Weiterqualifizierung fließen, die Angebote müssten auch besser aufeinander abgestimmt werden. Die Fortbildner müssen nach Meinung von Moritz besser entlohnt werden. Die Gewerkschaft forderte die grün-schwarze Koalition auf, eine Enquete-Kommission des Landtags zu «Fortbildung und Qualitätsentwicklung an allgemeinbildenden Schulen» einzurichten. Zwar habe es Studien zur Unterrichtsqualität gegeben. Aber: «Die Befunde wurden zur Kenntnis genommen und abgeheftet.»

 

Das von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) jüngst verkündete Qualitäts-Controlling sei ein «kleiner Schritt» in die richtige Richtung, meinte Moritz. Qualitätsentwicklung sei Schwerpunkt der Bildungspolitik, bekräftigte Eisenmann. «Als Erstes müssen wir Erfolgskriterien von guten Schulen identifizieren und Schulen mit Problemen gezielt unterstützen.» Nun müssten Daten zu den Leistungen der einzelnen Schulen und statistische Informationen mit dem Fachberatungs- und Unterstützungssystem verzahnt werden. (DPA/LSW)