Eine Billion Euro beim EZB: Banken schwimmen im Geld

Beim EZB ist derzeit eine astronomische Summe Geld geparkt. Foto: Uwe Anspach
Beim EZB ist derzeit eine astronomische Summe Geld geparkt. Foto: Uwe Anspach

So viel Geld hatten die Geschäftsbanken der Eurozone noch nie bei ihrer Notenbank auf dem Konto: Die sogenannte Überschuss-liquidität hat erstmals die Schwelle von einer Billion Euro überschritten. Das geht aus Zahlen der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Freitag hervor. Es sind 1 022 810 000 000 Euro - eine astronomische Summe. Würde man entsprechende 50-Euro-Scheine der Länge nach aneinanderreihen, könnte man das Band knapp vier Mal zum Mond und zurück spannen.

Dabei liegt dieser Überschuss normalerweise nahe Null. Doch von Normalität kann derzeit keine Rede sein.

 

Wie kommt die Billion zustande?

Seit Monaten wächst die Überschussliquidität rapide. Laut Bundesbank ist dies vor allem auf das im März 2015 gestartete Kaufprogramm für Wertpapiere zurückzuführen, im Zuge dessen die EZB Staats- und inzwischen auch Unternehmensanleihen aufkauft. Immer wenn Banken der EZB Wertpapiere verkaufen, fließt im Gegenzug EZB-Geld auf ihre Konten. Die Überschussliquidität ist derjenige Betrag, den die Banken über eine Pflichtreserve hinaus bei der EZB auf dem Konto haben.

 

Sind hohe Überschüsse auf den EZB-Konten der Banken normal?

Nein. «Sofern der Geldmarkt normal arbeitet, stattet das Eurosystem das Bankensystem so mit Zentralbankgeld aus, dass es praktisch keine Überschussliquidität gibt», heißt es in einer Definition auf der Webseite der Bundesbank. Seit der Finanzkrise ist es aber mit dieser Normalität vorbei. Nun wurde erstmals die Billionen-Marke geknackt.

 

Was machen die Banken mit all dem überschüssigen Geld?

Sie könnten das Geld zur Aufstockung der Kreditvergabe nutzen. Dass sie so Überschüsse von einer Billion Euro abbauen könnten, sei aber völlig abwegig, sagt Stefan Kooths, Experte beim Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). «Das würde eine Explosion des Kreditvolumens voraussetzen.» Die Banken müssen eine Art Strafzins auf die Überschussliquidität in Höhe von 0,4 Prozent hinnehmen.

 

Was will die EZB mit ihren Wertpapierkäufen bezwecken?

Die Währungshüter wollen durch eine Erhöhung der Geldmenge die Inflation antreiben und die Kreditvergabe der Banken an die Realwirtschaft ankurbeln. Das wiederum soll die Wirtschaft stützen. Dieses Ziel werde auch erreicht, sagt eine Sprecherin der EZB. Die Überschussliquidität sei ein gewollter Effekt. Sie stelle auch sicher, dass es keine Engpässe der Banken bei der kurzfristigen Geldbeschaffung geben könne - wie während der letzten Finanzkrise. Davon kann aber laut Experte Kooths angesichts der gewaltigen Überschüsse keine Rede sein. Die Banken schwimmen vielmehr im Geld.

 

Erreicht die EZB ihre Ziele?

Bisher nicht. Die chronisch schwache Inflation springt trotz der Geldschwemme der Notenbank nicht an. Das liegt zum Teil an dem starken Rückgang der Weltmarktpreise für Rohöl, der die allgemeine Teuerung dämpft. Aber auch ohne diesen Effekt steigen die Preise deutlich schwächer, als es die Notenbank anstrebt. Fachleute führen dies unter anderem auf das ungleichmäßige und kraftlose Wirtschaftswachstum im Währungsraum zurück. Im zweiten Quartal 2016 lag die Rate bei mageren 0,3 Prozent. Eine wesentliche Beschleunigung des Wachstums ist der EZB mit ihrer Geldpolitik noch nicht gelungen.

 

Ist die lockere Geldpolitik also gänzlich wirkungslos?

Nein. Die Zinsen von Staats- und Unternehmensanleihen, aber auch von Bankkrediten liegen zurzeit so tief wie nie zuvor. Selbst in ehemaligen Krisenländern wie Spanien sind die Kreditzinsen stark gefallen. Insofern hat die Geldschwemme durchaus einen Effekt. Allerdings weiten die Banken trotzdem ihre Kreditvergabe an die Wirtschaft nur leicht aus. Im Euroraum ist nach jüngsten Zahlen die Kreditvergabe an Unternehmen außerhalb des Finanzsektors im Juli gegenüber dem Vorjahresmonat um 1,8 Prozent gestiegen.

 

Wie bewerten Experten die Geldschwemme?

Sehr unterschiedlich. Deutsche Volkswirte stehen der lockeren Geldpolitik - im Gegensatz zu vielen angelsächsischen Ökonomen - meist skeptisch gegenüber. «Die Wertpapierkäufe der EZB sind ein ineffizientes Instrument», sagt etwa EZB-Experte Michael Schubert von der Commerzbank. Er begründet seine Kritik unter anderem mit Umfragen der EZB unter Banken. So äußerte im April eine große Mehrheit der Geldhäuser, dass die Wertpapierkäufe im vorangegangenen halben Jahr keine nennenswerten Auswirkungen auf ihr Kreditgeschäft gehabt hätten. Das zeigt: Die EZB kann die Banken zwar mit Geld fluten - was die Banken damit aber anfangen, kann sie nur begrenzt beeinflussen. (DPA)