Der Azubi 4.0 - Wie die Digitalisierung die Lehre verändert

Computergesteuerte Fertigung: In der Schreinerei Bächer Bergmann in Köln, bei der Marie Klein eine Ausbildung zur Tischlerin absolviert, wird mit neuester Technologie gearbeitet. Foto: Henning Kaiser
Computergesteuerte Fertigung: In der Schreinerei Bächer Bergmann in Köln, bei der Marie Klein eine Ausbildung zur Tischlerin absolviert, wird mit neuester Technologie gearbeitet. Foto: Henning Kaiser

Marie Klein ist 23 Jahre alt und angehende Tischlerin. In der Berufsschule befasst sie sich mit Holzarten und ihren Bearbeitungs-möglichkeiten - so wie Generationen angehender Tischler vor ihr. «Da macht man nur die Basics», sagt sie. Die Arbeit mit CNC-Maschinen, also mit per Computer steuerbaren Werkzeugmaschinen, kommt nur am Rande vor. Dabei prägen diese Maschinen ihren Alltag in der Firma. «Die Arbeit daran gehört bei uns im Betrieb dazu», sagt sie. Als angehende Tischlerin erlebt sie im Kleinen, was in vielen Bereichen der Arbeitswelt passiert:

Die Digitalisierung verändert die Art der Arbeit rasant. Neue Herstellungs- und Fertigungsverfahren entstehen und verlangen Mitarbeitern neue Kompetenzen ab. Ihre Ausbildung an der Berufsschule hält mit den Neuerungen jedoch nur ein Stück weit mit.

 

Klein lernt ihren Beruf bei der Tischlerei Bächer Bergmann aus Köln. Die Firma setzt neben CNC-Maschinen auch 3D-Drucker ein. «So können wir mit viel höherer Geschwindigkeit produzieren, als wenn wir von Hand tischlern», erklärt Geschäftsführer Sebastian Bächer. Und die Maschinen lassen sich für jeden Auftrag neu programmieren. Statt Massenware zu fertigen, bleibt das Endprodukt sehr individuell.

 

Ohne diese effektivere Produktion könnte Bächer nur schwer am Markt bestehen. Die Industrie setzt das Handwerk zunehmend unter Druck. Die Maßanfertigung von Möbeln für Kunden war lange Zeit dem Handwerk vorbehalten. Nun ermöglicht die Digitalisierung neue Produktionstechniken, die auch bei der Fertigung in einer Fabrik eine hohe Individualisierbarkeit von Produkten erlaubt. Ein Beispiel: Eine Küchenbank nach Maß muss heute nicht der deutsche Tischler machen. Sie kann ohne weiteres eine deutsche Firma aus der Fabrik in China kommen lassen. Um da mithalten zu können, muss Bächer mehr Produkte in kürzerer Zeit anfertigen. Die Maschinen helfen ihm dabei.

 

Und in vielen anderen Ausbildungen ist das ähnlich. «Wir gehen davon aus, dass die Ausbildungsberufe sich in den nächsten Jahren stark wandeln werden», sagt Alexander Bickel von der Firma Festo Didactic auf der Bildungsmesse Didacta in Köln. Das Unternehmen bietet Lehrmittel für die technische Ausbildung an. Spätestens in fünf Jahren sei der Druck durch die Digitalisierung so groß, dass ganz neue Berufsbilder entstehen.

 

Schon jetzt ist die Veränderung der bestehenden Ausbildungsberufe in vollem Gange. Beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) gibt es Überlegungen, wie bestehende Ausbildungen den neuen Entwicklungen angepasst werden können. So werden zum Beispiel die bestehenden vier IT-Ausbildungen derzeit grundlegend überarbeitet, erklärt Torben Padur vom BIBB. Der Beruf des Produktionstechnologen soll sich so verändern, dass er den Anforderungen an den Facharbeiter 4.0 genügt. Das bezieht sich auf den Begriff der Industrie 4.0, in der die Maschinen einer Fabrik zunehmend untereinander vernetzt sind.

 

Auch in der Ausbildung im Einzelhandel könnte es Änderungen geben. «Es gibt Überlegungen, ob beim Einzelhandelskaufmann das Qualifikationsfach E-Commerce eingeführt werden muss», erklärt Sophia Tiemann, Geschäftsführerin der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen.

 

Die Arbeitswelt und somit auch die Ausbildungen sind im Wandel. Doch was bedeuten die Umbrüche nun für die Jugendlichen? Was müssen sie in Zukunft können? «Ausbildungen werden in Zukunft viel interdisziplinärer sein, als sie es heute sind», glaubt Bickel. IT, Mechanik, Maschinenbau und Datenverarbeitung - was heute unter Umständen noch stark getrennt ist, wird künftig in der Ausbildung stärker miteinander kombiniert.

 

Damit einher geht eine höhere Komplexität der Ausbildungen, sagt Padur. Gleichzeitig werden viele Aufgaben aber auch einfacher, da Berufstätige sie nicht mehr selbst erledigen müssen, sondern Maschinen das für sie machen.

 

Wichtig ist, sich neuen Technologien nicht zu verschließen, sondern sich aktiv damit zu beschäftigen, rät Bickel. Das bedeute nicht zwingend, dass jeder programmieren lernen muss. Den Beruf des Programmierers gebe es schließlich schon. Aber man sollte nicht mit Computern auf Kriegsfuß stehen, wie es Tischler Bächer formuliert.

 

Marie Klein hatte bis zur Ausbildung mit Computern nicht viel am Hut. Sie hatte weder in der Schule einen Computerkurs, noch spielte sie privat gerne PC-Spiele. In die Arbeit an CNC-Maschinen ist sie dennoch gut reingekommen. «Es ist schon ganz schön kompliziert», sagt sie. «Doch dann habe ich mich reingefuchst, und dann geht es auch.» (DPA/TMN)