Experten: Ausbildung oft nicht mehr die erste Wahl

Ein grüner Stuhl mit der Aufschrift «Azubi» steht am 16.11.2010 in der Messe in Erfurt für einen Auszubildenden bereit. Foto: Martin Schutt/Illustration
Ein grüner Stuhl mit der Aufschrift «Azubi» steht am 16.11.2010 in der Messe in Erfurt für einen Auszubildenden bereit. Foto: Martin Schutt/Illustration

Europaweit gilt sie als mustergültiges Mittel gegen Jugendarbeitslosigkeit, hierzulande kämpft sie mit sinkender Nachfrage: die Berufsausbildung. Immer mehr Lehrstellen bleiben unbesetzt, Angebot und Nachfrage schrumpfen, wie eine aktuelle Studie herausarbeitet. Zeit, die Jugendlichen nach ihren Zielen und Wünschen zu fragen. 


Wie entwickeln sich Angebot und Nachfrage? 

«Schwankungen hat es immer gegeben auf dem Ausbildungsmarkt, seit 2011 aber sinkt die Zahl der abgeschlossenen Verträge», sagt Elisabeth Krekel, Ausbildungsmarktexpertin des Bundes-instituts für Berufsbildung.

Im Osten ist der Schrumpfkurs besonders dramatisch.


Welche Folgen hat das für den Arbeitsmarkt?

Die Ausbildung mache fit für die mittlere Qualifikationsebene, wo es schon jetzt Engpässe gebe, erklärt Krekel. Akademische Bildung benötige einen Unterbau. «Jeder studierte Arzt braucht seine Helferinnen, die Medizinischen Fachangestellten.» Auch gut ausgebildete Führungskräfte sind gefragt: Laut Zentralverband des Deutschen Handwerks suchen in den nächsten fünf Jahren 180 000 Inhaber einen Nachfolger.


Wieso bleiben trotzdem Lehrstellen unbesetzt?

Allein 2013 blieben 30 000 Plätze frei - darunter laut Bundesinstitut etwa jede dritte Restaurantfach-Lehrstelle. Ähnlich war es im Lebensmittelhandwerk, bei Klempnern und Fleischern. Für die Ausbildungen als Gestalter oder Tierpfleger gab es dagegen fast doppelt so viele Interessenten wie Plätze. Neben der Vergütung spielen dabei die Ausbildungsbedingungen und das Ansehen eines Berufes eine Rolle, wie die Expertin erläutert.


Wo liegen die Gründe für die Rückgänge auf dem Ausbildungsmarkt?

Es gibt immer weniger junge Menschen, vor allem im Osten. Laut Bertelsmann-Stiftung sind es zudem besonders kleine Betriebe, die nicht mehr ausbilden. Außerdem wollen immer mehr junge Männer und Frauen studieren - auch weil sie sich mit 17, 18 oder 19 Jahren noch nicht auf eine berufliche Laufbahn festlegen wollen, wie der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann beobachtet hat. «Das Studium ist erstmal ein Aufschub.»


Was erhofft sich die junge Generation?

Sie habe sehr anspruchsvolle Ziele, sagt Hurrelmann. Spaß bei der Arbeit, ein sicherer Job und eine Tätigkeit, die den eigenen Neigungen entspricht, das halten die meisten besonders wichtig, wie eine repräsentative Allensbach-Umfrage für McDonald's ergab. Auch Abwechslungsreichtum, Anerkennung, Aufstiegsmöglichkeiten, Einkommen und die Vereinbarkeit mit Privatleben und Familie sind ihnen wichtig.


Wie sind ihre Chancen?

Bestens. Die Machtverhältnisse auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt haben sich in wenigen Jahren gedreht, wie Hurrelmann beschreibt. Die Machtposition hat jetzt die sinkende Zahl der Bewerber - um die sich die Unternehmen bemühen müssen, nicht mehr umgekehrt. Denn die Betriebe müssen die Baby-Boomer-Generation ersetzen, die in Scharen in Rente geht. Der Optimismus der jungen Leute ist laut Allensbach in allen gesellschaftlichen Schichten gestiegen. Sie witterten ihre Chance, sagt Hurrelmann. «Man hat so richtig das Gefühl, am Ende einer langen Durststrecke zu sein.»


Wie lassen sich die Probleme der Betriebe lösen?

Die Bildungsexperten treten für eine bessere Verzahnung und mehr Durchlässigkeit zwischen Hochschulen und Betrieben ein. Schon jetzt buhlen Unternehmen um Studienabbrecher. Gymnasiasten - und ihre Lehrer - müssten mehr Betriebspraktika machen, fordert Hurrelmann. Denn viele Schüler fühlten sich über mögliche Berufe schlecht informiert. Nötig sei auch ein Umdenken, meint Ausbildungsmarktexpertin Krekel: «Warum gelten Akademikerkinder, die eine Berufsausbildung machen, als Bildungsabsteiger?» (DPA)