Steiler Aufstieg, tiefer Fall: Niersbach kaum zu halten

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach steht schwer unter Druck. Foto: Arne Dedert
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach steht schwer unter Druck. Foto: Arne Dedert

Wolfgang Niersbach schweigt öffentlich weiter zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und den Vorwürfen rund um die dubiose Millionenzahlung vor der WM 2006. Hinter verschlossenen Türen musste sich der angeschlagene DFB-Präsident in einem laut DFB «mehrstündigen Gespräch» den vom Verband beauftragten externen Prüfern der Wirtschafts-kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer stellen. Auch am Montag wird der wankende DFB-Boss Fragen beanworten müssen, wenn sich das Präsidium des Deutschen Fußball-Bundes in seiner Frankfurter Zentrale zu einer Sonder-sitzung trifft.

«Die Zukunft kann nur gestaltet werden ohne den bisherigen Präsidenten», sagte Niersbach noch Anfang Oktober. Damals sprach der inzwischen selbst schwer angezählte DFB-Chef allerdings nicht über sich, sondern über den längst gesperrten Joseph Blatter und dessen Rolle in den nicht enden wollenden Skandalen beim Weltverband FIFA.


Niersbach selbst hält sich in der Affäre um die WM 2006 in Deutschland nicht an das, was er von Blatter immer wieder gefordert hat. Er ist zumindest noch nicht von seinem Amt zurückgetreten. Er übernimmt keine «politische Verantwortung» in dieser seit drei Wochen schwelenden Affäre. Auch zur Steuerrazzia in der DFB-Zentrale und bei ihm zu Hause in Dreieich sagte der 64-Jährige seit dem vergangenen Dienstag nichts.


Man kann darüber streiten, ob es ein gutes oder schlechtes Zeichen für ihn ist, dass Niersbach nach außen hin noch Rückendeckung aus den eigenen Reihen erhält. Eine Interpretation ist: Einflussreiche Funktionäre wie Vizepräsident Rainer Koch nutzen die dadurch gewonnene Zeit, um hinter den Kulissen die Nachfolge zu klären. Offiziell heißt es aber weiterhin: «Ich hoffe sehr, dass sich alle Sachverhalte aufklären lassen. Ich habe nach wie vor großes Vertrauen in Wolfgang Niersbach, dass er seinen Beitrag dazu leisten wird», sagte Alfred Vianden, Präsident des Fußballverbands Mittelrhein, der «Rheinischen Post».


Am kommenden Montag wird es zu einer außerordentlichen Präsidiumssitzung kommen. Einen entsprechenden Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» bestätigte der DFB am Donnerstagabend. An der Zusammenkunft des Gremiums mit 16 Mitgliedern in der Verbandszentrale in Frankfurt soll auch Niersbach teilnehmen. Kurz darauf teilte der DFB mit, dass Niersbach, wie vom DFB-Präsidium gefordert, die Fragen der externen Wirtschaftsprüfer beantwortet habe.


Es bleibt die Frage, was in dieser Affäre dramatischer ist: Die Art und Weise, wie sich Niersbach in den vergangenen Wochen selbst angreifbar gemacht hat durch seine Widersprüche, sein vermeintliches Nicht-Wissen, sein fragwürdiges Krisenmanagement. Oder wie schnell sich zuletzt der Absturz eines Mannes vollzog, für den es vorher in der Welt des Fußballs vom Sportjournalisten über den Posten des DFB-Medienchefs bis hin zum Präsidenten des größten Sportfachverbands der Welt immer nur steil aufwärts gegangen war.


Noch vor einem Jahr stellte Niersbach im Glanze des WM-Triumphes seine Agenda «DFB 2024» mit lauter großen und ehrgeizigen Zielen vor: Das «Jahrhundertprojekt» DFB-Akademie zu bauen, die EM 2024 nach Deutschland zu holen und nicht zuletzt dabei mitzuhelfen, die FIFA wieder «zu einer Institution zu machen, die für Glaubwürdigkeit und Integrität steht».


Auch deshalb galt Niersbach noch bis zum Beginn der WM-Affäre als möglicher neuer UEFA- oder sogar FIFA-Chef. Er galt as bestens vernetzt mit großen Namen wie Franz Beckenbauer oder Michel Platini. Und er galt zumindest damals noch als unbelastet. Nun «beobachtet» die FIFA-Ethikkommission «die Lage in Deutschland».


Unbelastet ist er nicht mehr, genauso wenig wie Beckenbauer oder Platini. Laut eines Berichtes der «Süddeutschen Zeitung» wurde Niersbach vor allem deshalb zum Ziel der Staatsanwaltschaft und Steuerfahnder, weil er 2007 die angeblich falsche Steuererklärung des DFB zur WM 2006 unterschrieben haben soll. Niersbach war erst wenige Tage zuvor zum neuen Generalsekretär des Verbandes gewählt worden.


Was ihn als DFB-Präsidenten aber mindestens genauso in Bedrängnis bringt, ist sein Umgang mit der Affäre. Niersbachs eigener Darstellung zufolge will er erst in diesem Sommer von den ominösen 6,7 Millionen Euro erfahren haben, die im Zentrum des Skandals stehen. Seine früheren OK-Kollegen Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt behauptet dagegen: Das gesamte WM-Organisationskomitee und damit auch Niersbach wussten seit spätestens 2005 Bescheid.


Hinzu kommt aber noch: Selbst in diesem Sommer hielt Niersbach die dubiosen Geldflüsse vor dem Rest des DFB-Präsidiums weiter geheim. Als die Affäre dann durch Recherchen des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» öffentlich wurde, verwies er reflexartig auf eine interne Prüfung, von der außer ihm aber niemand etwas wusste. Der frühere Mediendirektor gab wenige Tage später eine denkwürdige Pressekonferenz, bei der er auf keine Nachfrage eine schlüssige Antwort gab. Spätestens seitdem ist er für den DFB ein Problem.


Der «Spiegel» hat Niersbach einmal eine «wandelnde Wellness-Oase» genannt. Er verdanke seinen Aufstieg auch der Eigenschaft, Leuten immer genau das zu sagen, was sie gerade hören wollen. In der WM- Affäre funktioniert das allerdings nicht. Da sagt Niersbach mittlerweile seit Tagen: gar nichts mehr. Zumindest öffentlich. (DPA)